Was sagt die wissenschaftliche Forschung zur Wirkung von Ritualen ?Carl Gustav Jung hat als erster geisteswissenschaftlicher Forscher neben Rudolf Steiner die bildhafte Sprache und die Symbole des Unbewussten erforscht. Seine geistige Nachfolgerin ist aus aus unserer Sicht die Zürcher Psychologie-Professorin Verena Kast (siehe im Link "Literatur"). An den meisten Universitäten glichen sich die Methoden der Forschung in den letzten Jahrzehnten immer mehr jenen der Naturwissenschaft an. Heute wird das erforscht, was gemessen und exakt definiert werden kann. Bei Bildern, mehr noch bei Symbolen ist das schwierig. Man sieht nur das, was man durch die Brille sieht, die man trägt. Dennoch haben die exakten Methoden auch Vorteile und Rituale können in ihrer Sprache erklärt werden. In heute gebräuchlichen wissenschaftlichen Begriffen können Rituale beschrieben werden als ressourcenorientierte kognitiv-verhaltenstherapeutische Übungen, die übergeordnete, fundamentale Schemata (Muster) des Individuums oder von Kollektiven aktivieren. Bisher unerschlossene gesundheitsfördernde Schemata werden entwickelt, pathogene Schemata werden umstrukturiert, so dass psychisch Prozesse hoher Motivation, Volition und hoher Selbstwirksamkeitserwartung in Gang kommen. Neurologisch werden dabei entsprechende Erregungsmuster gebahnt. Diese Definition ist ungefähr so trocken, wie wenn man eine Kathedrale beschreiben würde als spezifisch geordnete Ansammlung von Sandstein-Stücken verschiedener Grösse, so dass sie einen Raum umschliessen, der in Verbindung mit spezifischer akustischer Stimulation bei den Eintretenden Prozesse hoher Motivation, Volition und Selbstwirksamkeit in Gang setzt... Das Wesentliche scheint in diesen Definitionen verloren zu gehen, und doch ermöglicht die wissenschaftliche Beschreibung ein besseres Verständnis für die Wirkung von Ritualen. In den letzten Jahrzehnten wurden Hunderte kognitiv-verhaltenstherapeutischer Übungen und Techniken entwickelt und ihre Wirksamkeit wurde nachgewiesen. Alle fokussieren darauf, die psychischen Prozesse aus gesundheitsschädigenden Mustern herauszulösen und in gesundheitsfördernde Muster zu verlagern. Muster werden wissenschaftlich als Schemata bezeichnet, auch als Pläne, Strukturen, und Gruppen von Mustern werden als Stil oder als Skript bezeichnet. Jedes Muster entspricht einer spezifischen Einstellung: in der Opferrolle ist unsere Einstellung zum Leben anders als fürsorglich und optimistisch. Für die psychische Gesundheit ist es somit sehr entscheidend, welche Einstellungen, Überzeugungen, Gedanken und Erwartungen aktiv sind. Die gesundheitsfördende Wirkung von positiven Erwartungen wurde wissenschaftlich vielfach nachgewiesen. Zuversicht, dass wir die selbst gesetzten Ziele erreichen können, wird Selbstwirksamkeitserwartung genannt. Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung beeinflusst die Motivation, den Willen und die Emotionen entsprechend positiv. Ein Regelkreis kommt in Gang, in dem sich Kognitionen, Emotionen, Motivationen und Handlungen gegenseitig positiv beeinflussen. Der Regelkreis ist ein Motor, der die Psyche in Richtung Gesundheit schiebt; oder ein Magnet, der sie dorthin "zieht". Die wissenschaftliche Bezeichnung für diese Regelkreise ist Attraktor. Rituale wenden sich den "innersten zentralen" Mustern zu und lenken von dort aus die Ziele exakt in Richtung positiver Erwartungen. Sie setzen einen positiven Regelkreis in Gang, indem Einstellungen, Emotionen, Motivationen und Handlungen sich gegenseitig beeinflussen. Die Handlungen, die in Ritualen vollzogen werden, bringen die unmittelbare Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Zur wissenschaftlichen Beschreibung von Ritualen muss nun noch der Wissensstand zu unbewussten psychischen Prozessen einbezogen werden. Unbewusste Prozesse im sogenannten impliziten Gedächtnis arbeiten mit Sinneserfahrungen, d.h. "analog", z.B. mit Tastempfindungen, Bildern und Geräuschen. Diese gespeicherten analogen Daten sind der Nährboden der Muster, nach denen wir denken und handeln. In der Forschung hat sich in den letzten 10 Jahren klar gezeigt, wie wichtig es ist, die unbewussten Prozesse zu erreichen und zu beeinflussen, d.h. im "imliziten Funktionsmudus" zu arbeiten. Dies kann in verschiedener Art geschehen, z.B. mit Hypnose, mit Körpertherapie, Kunsttherapie, mit Traumarbeit und mit Symbolen. Symbole sind sinnenhaft erfahrbare Brücken zu den unbewussten Inhalten im impliziten Gedächtnis. Sie müssen nicht übersetzt werden, sondern setzen im impliziten Gedächtnis direkt Prozesse in Gang, die zentrale Themen und Muster betreffen. Mit dieser Beschreibung als kognitiv-verhaltenstherapeutische Übungen kann die Wirksamkeit von Ritualen nach dem heutigen Wissensstand gut erklärt werden. Dennoch zögern Forscher, Rituale zu erforschen. Wenn sie in Publikationen den Begriff "Rituale" verwenden würden, so würden sie sich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft heute einen zweifelhaften Namen schaffen. Der Begriff klingt unwissenschaftlich. Literatur: Caspar, Franz (1996): Beziehungen und Probleme verstehen. Eine Einführung in die psychotherapeutische Plananalyse; 2. Aufl., Huber, ISBN 3-456-82722-9 Fliegel, Steffen (Hrsg.) (1994): Verhaltenstherapeutische Standardmethoden. Ein Übungsbuch; 3. Aufl., Beltz, ISBN 3-621-27208-9 Grawe, Klaus (1998): Psychologische Therapie. Hogrefe, ISBN 3-8017-0978-7 Meichenbaum, Donald W. (1995): Kognitive Verhaltensmodifikation; Beltz, ISBN 3-621-27302-6 Wilken, Beate (1998): Methoden der Kognitiven Umstrukturierung. Ein Leitfaden für die psychotherapeutische Praxis; Kohlhammer Urban, ISBN 3-17-014205-4 |