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Integrative Therapie



2005 erschienen bei der Edition Humanistische Psychologie ; ISBN 3-89797-033-3: Bongers (Hrsg.) (2005): Gestalttherapie und Integrative Therapie. Eine Einführung.

Andreas Leuenberger

Zum Autor:

Andreas Leuenberger, geb. 1953, Dr. phil., Dipl. Psychologe, Lehrtherapeut am Fritz Perls Institut (FPI, www.integrative-therapie.de; www.gestalttherapie.ch), arbeitet in Teilzeit an der Uniklinik für Sozial- und Gemeindepsychiatrie, daneben in eigener Praxis in Bern. Seminarleitungen, Supervision, Führung eines kleinen Instituts für Kreativtherapie / Theatertherapie nach dem Tod seines Gründers Dr. med. Jean-Paul Gonseth, Liestal. Frühere Tätigkeiten als Biologe in der Lehrerausbildung und als Eisenplastiker. www.natur-kunst-therapie.ch

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  • Vorwort


    In einem Interview erläuterte Jeffrey Young kürzlich (Young, Berbalk 2003), wie er von der Verhaltenstherapie über die kognitive Therapie zu seiner Schema-Therapie gefunden hat: „Nachdem ich Becks Klinik verlassen hatte und mich mit einer eigenen Praxis niedergelassen hatte, ging es mir wie zuvor schon bei der Verhaltenstherapie: Viele Patienten waren komplexere Fälle als die in Beck’s Klinik. Sie waren schon seit Jahren in Psychotherapie, hatten Persönlichkeitsstörungen, dysthyme Störungen, generalisierte Angststörungen oder passten in keine Kategorie. Erst später erkannte ich, dass diese Patienten, die nicht auf die Therapie ansprachen, alle ein lebenslanges Muster irgendeines psychologischen Problems hatten…Es wurde klar, dass bei diesen Patienten grundsätzliche Themen am Werk waren, zum Beispiel Bindungsängste oder massive Selbstwertprobleme, also mehr als nur eine akute Depression. Wir hatten es mit chronischen Problemen zu tun, die sehr früh begonnen hatten. Patienten, deren Probleme erst später entstanden, schienen sich besser zu entwickeln als solche, die ihr Problem schon immer hatten, die „eigentlich schon ihr ganzes Leben lang“ depressiv waren. Die Erfolgsrate bei diesen Patienten war schlecht. Daher wollte ich herausfinden, was ich der Kognitiven Therapie hinzufügen müsste, um diesen Patienten gerecht zu werden…Obwohl es nicht meine Absicht gewesen war, kam der Zeitpunkt, wo die kognitiven Techniken eben nur gleichwertig neben den anderen standen. Verhaltens- und Erlebenskomponenten, die therapeutische Beziehung und die kognitiven Elemente waren gleichermassen wichtig und es war nicht mehr angemessen, nur von Kognitiver Therapie zu sprechen. Zum neuen Modell gehörte auch die Erweiterung um die Entwicklungsthemen – wie sind Schemata entstanden? – die in der Kognitiven Therapie immer noch fehlen. Die Arbeit mit chronischen Patienten ist sehr schwierig, wenn man nicht erklären kann, wie die Störung entstanden ist. Ich stellte fest, dass die Themen oder Schemata auch bei Menschen, die nicht in Therapie waren, die gleichen waren. Die Schemata entwickeln sich aus universellen Bedürfnissen. Das war die interessante Entdeckung. Alle Menschen kämpfen zum Beispiel in irgendeiner Form mit Verlassenheitsängsten; die Patienten sind nicht sehr anders, nur oft extremer.“

    Im deutschen Sprachraum nennen sich ähnliche multimodale Modelle wie jenes von Young, um die Anerkennung nicht zu riskieren, gegenüber dem Gesetzgeber weiterhin kognitive Verhaltenstherapie, in der Werbung jedoch schulenunabhängig und methodenintegrativ.

    Die Integrationsbewegung der Psychotherapie in den letzten Jahrzehnten begann nach einer langen Phase der Innovation, in der die einzelnen klassischen Therapierichtungen sich ausdifferenzierten. Hätte diese Differenzierung nicht stattgefunden, was gäbe es dann zu integrieren? Die Synergie von Differenzierung und Integration ist in der Psychotherapie im Moment soweit fortgeschritten, wie die methodenintegrativen Verfahren es spiegeln. Sie wird weitergehen.

    Evolutive Entwicklungen haben mich schon in meinem ersten Beruf interessiert. Als junger Biologe suchte ich auf den Inseln Guam und Palau im Pazifik zu verstehen, wie sich aus einzelligen Organismen mehrzellige entwickelten. Es geschah durch Innovation, Interaktion und Integration: nach der Zellteilung blieben bei den Vorfahren mehrzelliger Pflanzen und Tiere vor mehreren Milliarden Jahren die Zellen, statt als Einzelne weiter zu leben, beieinander, interagierten und integrierten sich zu einem höheren Ganzen. Einfachste Tierstämme wie Schwämme und Hohltiere (Korallen, Quallen) entstanden und führten über viele Verzweigungen zu Tieren mit Kiemenspalten und Chorda-(Knorpel)verstärktem Rücken, aus denen Manteltiere und schliesslich die Fische als unsere Wirbeltier-Vorfahren entstanden. Grundtypen wie die ersten Knorpelfische, Säuger und Vögel entstanden aus undifferenzierten Vorfahren durch plötzliche Innovation zahlloser neuer Details und deren komplexer Integration zu einem funktionierenden Ganzen. Dann blieb die Entwicklung oft über sehr lange Zeiträume fast stehen, so bei Säugetieren und Vögeln in den von Sauriern dominierten Zeiten. Nach dieser stillen Zeit differenzierten sich die Grundtypen explosionsartig in unzählbar viele neue Arten, die freie Nischen füllten, neue erfanden und sich in die Ökosysteme integrierten. Interessanterweise finden sich direkte Vorfahren praktisch nie als Fossilien! Auch der Homo sapiens sapiens tauchte vor 100'000 Jahren plötzlich auf, ohne fossile direkte Vorfahren. Ich fragte mich, ob direkte Vorfahren in der Natur vielleicht deshalb keine fossilen Spuren hinterliessen, weil Innovation primär immateriell geschehen könnte. Diese gewagte Idee führte in Bereiche geistiger Wirkfaktoren und damit über das wissenschaftlich Erforschbare hinaus.

    Später, in der Arbeit als Eisenplastiker suchte ich im Rahmen eines Auftrags für eine drei Meter hohe Wasserplastik aus Chromstahl nach der richtigen Form und hatte wochenlang den starken Eindruck, dass die Skulptur immateriell schon da war und ich nur die Verbindung mit ihr finden und ihr ein metallenes Kleid geben könne.

    In der Evolution der Psychotherapie wirken offenbar dieselben Prinzipien, Innovation-Differenzierung, Interaktion und Integration wie in der Biologie und der Kunst.

    Die Integrative Therapie in ihrer aktuellen Form hat extrem viel theoretische und prexeologische Differenzierungs- und Integrationsarbeit geleistet. Sie nimmt den Menschen in seiner leiblichen, seelischen und zwischenmenschlichen Ganzheit ernst. Ihr Menschenbild ist explizit statt implizit wie in vielen anderen Verfahren, und ich erlebe es als zutiefst human. Theorie und Praxis sind frei von jeglichem mechanistischen Beigeschmack. Kürzlich begann ich eine Woche Arbeit mit mehr Patienten als je zuvor. Am ersten Tag sagte mir eine 72-järige Patientin am Schluss der Sitzung: „Heute habe ich Sie distanziert erlebt, wie ein Psychologe, sonst sind Sie eher wie ein Freund.“ Das zeigte mir schlagartig, wie wesentlich über die Techniken hinaus das Herzstück der Integrativen Therapie für heilende und fördernde Prozesse ist: Begegnung und Beziehung. Die Rückkehr zu dieser Haltung verbesserte und erleichterte meine Arbeit sofort.

    Die theoretische Fundierung der Integrativen Therapie und ihre Begriffsbildung, zum Beispiel der Begriffe Leibsubjekt, informierter Leib, Intersubjektivität und Ko-respondenz, umschliessen den geistigen Bezug des Menschen. In der Arbeit mit alten Menschen und Sterbenden, der Integrativen Gerontotherapie, wurden nootherapeutische Perspektiven erarbeitet (Petzold, Sieper 1993a; Petzold 2003a) und am Institut wird seit vielen Jahren ein Curriculum für Integrative Seelsorge und Pastoralarbeit durchgeführt, das „Methoden vermittelt, wie Seelsorger im Rahmen ihrer Berufsrolle Hilfen geben können, dass ein Mensch seine persönliche Antwort in sich und im dialogischen Sinngespräch findet (Petzold, Sieper 1993a, 635).“ „Die Integrative Therapie vertritt die Position einer „säkularen Mystik“ und einer „innerweltlichen Transzendenz“ im Sinne einer grundsätzlichen Verbundenheit allen Seins, sie sieht die Wichtigkeit meditativer Erfahrung, grenzt sich aber von New-Age-Ideologien, von der Bewegung transpersonaler Psychologie ab sowie von der Vermischung Therapie/spiritueller Praxis (Petzold, Sieper 1993a, 717).“ „Auch das hat die Arbeit mit Schwerkranken und Sterbenden beigetragen: eine Erfahrung der Vielfalt von Wertwelten, von Sinnfolien, von religiösen Überzeugungen in der letzten, extremsten Situation im Leben des Menschen, wo letztlich alle Ansprüche auf eine einzige und allgemeingültige Wahrheit verblassen. Die Wertschätzung vielfältiger Weltanschauung liegt in diesen Erfahrungen begründet (Petzold, Sieper 1993a, 635).“

    Ich fühle mich mit meinen wissenschaftlichen, künstlerischen und geistigen Interessen wohl im Verfahren der Integrativen Therapie, weil es ein Garant ist für weitere Evolution, die anthropologisch, wissenschaftlich und ethisch fundiert sein wird.

    Andreas Leuenberger

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